Schon seit einiger Zeit beobachten Fachleute wie Dobler, dass Zecken auch im Winter aktiv sind. Das liegt am Klimawandel: Er sorgt dafür, dass die Winter milder ausfallen. Mehr Zecken können überleben – und sind früh im Jahr wieder aktiv.
Auch dieses Jahr ist es so: Es gibt bereits jetzt erste FSME-Fälle bei Menschen – unter anderem in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen. Sticht eine mit dem FSME-Virus infizierte Zecke einen Menschen, kann das schlimmstenfalls zu einer Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute führen.
Im vergangenen Jahr war die Zeckensaison besonders ausgeprägt. Nicht, weil es ungewöhnlich viele Zecken gab, sondern FSME-Infektionen. 773 FSME-Fälle hat das Robert Koch-Institut (RKI) registriert. Das sind so viele Fälle wie schon seit 20 Jahren nicht mehr. Die Zahlen dürften aber gerade einmal zehn Prozent der tatsächlichen jährlichen Erkrankungen widerspiegeln, meint Dobler. Schließlich umfassen die Daten des RKI nur Fälle, in denen an FSME-Erkrankte zu einem Arzt oder zu einer Ärztin gegangen sind.
Prognosen für die diesjährige Zeckensaison sind noch nicht möglich. In vergangenen Jahren folgten die Zahlen einem gewissen Zyklus: Bis ungefähr 2017 gab es alle drei Jahre eine Saison mit erhöhten FSME-Fällen, seitdem sind es alle zwei Jahre. Woran das liegt, dafür haben Fachleute bisher keine Erklärung.
„Wenn wir sagen, das wäre der neue Verlauf, dann würde man für 2025 eher davon ausgehen, dass wir weniger FSME-Fälle haben werden als in 2024“, sagt Ute Mackenstedt, Parasitologin von der Universität Hohenheim. Generell zeige sich aber ein „ansteigender Trend“.
Dass FSME in Deutschland mittlerweile weit verbreitet ist, zeigen auch die Karten zu den Risikogebieten des RKI. Demnach gibt es gerade im Süden Deutschlands viele FSME-Risikogebiete, genauso wie im Osten. Drei neue Risikogebiete hat das RKI 2025 ausgewiesen.
FSME-Experte Dobler sind diese Karten ein Dorn im Auge; denn sie würden nicht die Realität abbilden. Dass es zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern kein einziges Risikogebiet gibt, bedeute nicht, dass es dort keine FSME-Fälle gibt.
„Wir müssen leider sagen, dass FSME in ganz Deutschland vorkommt“, machte Dobler deutlich. Er spricht sich dafür aus, ganz Deutschland als Risikogebiet zu bezeichnen. Bisherige Risikogebiete könnten künftig als Hochrisikogebiete herausgestellt werden.
Als Hauptüberträger des FSME-Virus gilt in Deutschland der Gemeine Holzbock. FSME-positive Zecken seien jedoch nicht flächenmäßig hierzulande verbreitet, sondern es gebe „kleine Hotspots“, in denen sie vorkommen, merkte Mackenstedt an.
Zudem zeige sich eine Ost-West-Wanderung: „Es gibt immer wieder neue FSME-Stämme, die aus Osteuropa Richtung Westen ziehen“, sagte die Expertin. Ein Stamm aus Polen etwa sei zunächst in Sachsen-Anhalt und später in Niedersachsen und nun auch in den Niederlanden nachgewiesen worden. Folglich könnte sich FSME auch in Deutschland weiter verbreiten: „Wir werden vermutlich in 20 Jahren diese Situation, die wir jetzt in Süd- und Ostdeutschland haben, auch in Westdeutschland sehen“, sagte Dobler.
Eine Impfung gegen FSME ist aus Sicht des Experten deshalb wichtiger denn je. „Da das Infektionsrisiko in ganz Deutschland vorhanden ist, kann eine Impfung auch für Menschen außerhalb der offiziell ausgewiesenen Risikogebiete sinnvoll sein“, sagte er. „Und auch bei einer Urlaubsreise in die benachbarten Länder bietet die Impfung einen zuverlässigen Schutz.“
Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine FSME-Impfung bisher nur für Menschen, die in Risikogebieten leben oder die ein hohes Infektionsrisiko haben (zum Beispiel Forstarbeitende oder Landwirtinnen und Landwirte). Für die Grundimmunisierung sind drei Impfungen erforderlich.
Allerdings ist die Impfquote in Deutschland bisher sehr gering. Bundesweit lag sie im Jahr 2020 bei etwa 19 Prozent. Nach Angaben des RKI fehlte allein bei 99 Prozent der FSME-Betroffenen im Jahr 2023 ein ausreichender Impfschutz.
Um sich vor Zeckenstichen zu schützen, hilft nicht nur eine Impfung. Auch sollte man seine Kleidung und seinen Körper sorgfältig absuchen, nachdem man sich im Freien aufgehalten hat. Denn je schneller man eine Zecke findet und entfernt, desto besser. Geschlossene Kleidung wie lange Hosen und Ärmel, Strümpfe und feste Schuhe bieten ebenfalls Schutz. Zusätzlich helfen zeckenabweisende Mittel auf unbedeckten Hautstellen und Kleidung.