In Gedanken hatte sich Jan Haller nach den Paralympics schon vom Nationalteam verabschiedet. Die Rollstuhlbasketballer hatten Bronze gewonnen in Paris, es war ein großer und etwas überraschender Erfolg. Der Kapitän Deutschlands ging anschließend noch einmal in sich und trat nach mehr als 300 Länderspielen zurück. Nun stößt er schneller wieder zur Mannschaft, als er selbst geahnt hatte. Der 37-jährige Erstligaspieler von Hannover United wird Bundestrainer, er beendet seine aktive Laufbahn. „Ich freue mich riesig, es ist eine große Ehre. Und mir ist klar, dass das ein anderes Leben wird“, sagt der Barsinghäuser. Am 1. Juni tritt er sein Amt an.
Seinen Trainerschein machte Haller vor zwei Jahren, weil er gern in diesem intensiven Sport bleiben wollte. Dann kam nach Olympia schnell etwas ins Rollen: Erst trat Michael Engel als Chefcoach zurück, der sich auf diesem Posten nicht geschont hatte. Und alsbald zeichnete sich ab, dass weder die Co-Trainer Sebastian Wolk noch United-Coach Martin Kluck zur Verfügung stehen. „Es wäre für mich logisch gewesen, ihnen das Zepter in die Hand zu geben“, so Haller. Daher bewarb er sich selbst, machte davon auch bei United kein Geheimnis. „Ich wollte Transparenz. Und hätte es nicht geklappt, hätte ich gern noch bis ein bis zwei Jahre für United gespielt“, betont Haller.
Zugleich war dem großen Fan von Hannover 96 klar, dass er die Chance ergreifen würde, wenn er sie bekäme: „Das musste ich tun, so etwas kommt nicht alle Tage.“ United-Coach Kluck freut die Entscheidung: „Das macht für mich total Sinn. Was das Trainerdasein angeht, wird sich Jan mit seiner Empathie da schnell reinfinden.“ Haller kenne alle und haben großen Rückhalt. Kluck wird Co-Trainer des Nationalteams bleiben, er hatte aus familiären Gründen auf eine Bewerbung verzichtet.
„Es schreien jetzt aber sicher auch nicht alle Hurra. Immerhin hab ich als Trainer keine Erfahrung“, räumt Haller ein. Die Entscheidung des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) findet er insofern mutig. Auf der anderen Seite kennt sich der Routinier bestens aus: Bei vier Paralympics, drei Weltmeisterschaften und sieben Europameisterschaften (zweimal Bronze, einmal Silber) war er am Start. Fünf Meistertitel holte er mit dem RSV Lahn-Dill, seinem früheren Verein.
Basketball prägte Hallers Leben, seit er 13 Jahre alt war. Damals war er Zuschauer eines Spiels von Dirk Nowitzki in der Nationalmannschaft. Haller probierte das aus: Zunächst bekam der in Gehrden geborene und damals in Bonn wohnende Mann mit einer seltenen Fehlbildung des unteren Rumpfes den Ball aber gar nicht bis zum Korb. Lange ist das her. Inzwischen hat Haller viel bewegt und mit auf den Weg gebracht, auch in Hannover.
Erstes großes Ziel ist die EM im Oktober in Sarajevo, dort geht es zugleich um das WM-Ticket. Bis dahin will sich Haller noch voll für United reinhängen. Die Pokal-Endrunde hat Hannover schon erreicht, die Titel-Play-offs sind nah. „Ich bereite mich aber gedanklich schon auf die neue Position vor“, betont Haller. Er wird dann viel unterwegs sein und sich die Partien der Bundesliga anschauen.
Wenn Zeit bleibt, wird es den gelernten Bürokaufmann (mit Sportmanagement-Studium) und Freundin Doro wie gehabt in den nahen Deister ziehen. Gemeinsam ist das Paar sie oft mit Hund Rudi (Australian Shepherd) unterwegs. Lebensmittelpunkt des angehenden Bundestrainers bleibt also Hannover. Und wie sein Verein den nun anstehenden Umbruch bewältigt, wird Jan Haller genau beobachten: „Ich trage United schließlich im Herzen.“