Als Fan von Hannover 96 ist Jannis Busse emotionale Ausschläge in beide Richtungen gewohnt. Aber dieses Angebot hat ihn dann doch richtig elektrisiert. „Wir waren absolut on fire“, sagt er über sich und Christoph Lahner. Beide betreuen seit drei Jahren ehrenamtlich das 96-Archiv, sind Angebote von 96-Devotionalien gewohnt, und ein elfminütiger Film über ein Fußballspiel ist an sich noch keine Sensation. Wenn es dabei aber um das Endspiel zur deutschen Meisterschaft im Jahr 1954 geht, sieht die Sache anders aus. Vor allem, weil es sonst kaum Material von dieser Begegnung zwischen Hannover 96 und dem mit Nationalspielern und späteren Weltmeistern gespickten Favoriten 1. FC Kaiserslautern gibt. Die Niedersachsen siegten am Ende klar mit 5:1.
Das Spiel am 23. Mai 1954 im Hamburger Volksparkstadion war von Kameras mitgefilmt worden, bis auf ein paar „Wochenschau“-Schnipsel galt das Material aber als verschollen. Und nun stand da eine Filmrolle zum Verkauf. „Der Verkäufer, ein Filmsammler, hatte den Verein angeschrieben und den Film über Ebay zum Verkauf angeboten. Woher er die Rolle hatte, wissen wir bis heute nicht. Aber das Angebot lief in der gleichen Nacht aus. Ich bin also direkt vorm Computer aufgeregt sitzen geblieben und habe den Film von meinem Privataccount ersteigert.“ Der Kaufpreis habe sich im dreistelligen Bereich bewegt, sagt Busse, und das Risiko sei bei einer solchen Rarität überschaubar gewesen. „Wir konnten maximal Geld verlieren, aber sehr viel gewinnen.“ Tatsächlich kam die schwere Filmrolle dann wenig später in Hannover an – und ging direkt weiter zu einer Firma nach Berlin, die das Material digitalisierte. Erst dann konnten Busse und Lahner die Aufnahmen begutachten und waren vom Inhalt so begeistert wie von der Qualität der Aufnahmen.
In dem Zusammenschnitt, den die Shell AG erstellt habe „mit einem gewissen zeitlichen Abstand und wohl zu Werbezwecken“, wie Lahner vermutet, sind nicht nur Spielszenen zu sehen, sondern auch die für die damalige Zeit typischen Schwenks über das Stadion und auf das Publikum, das in 20.000er-Stärke aus Hannover angereist war. „Das ist es, was den Film noch mal spannend macht“, sagt Lahner.
Das Ergebnis auf dem Platz ist hinlänglich bekannt – wie auch die Tatsache, dass Bundestrainer Sepp Herberger zur anschließenden Weltmeisterschaft keinen Hannoveraner mit in die Schweiz nahm, aber reihenweise Spieler der Besiegten aus Kaiserslautern um Kapitän Fritz Walter.
Für einen, der damals nicht nur dabei war, sondern in kurzer Hose auf dem Feld stand, war der Film ein ganz besonderes Wiedererleben. Rolf Gehrcke, einziger noch lebender Spieler des damaligen Meisterteams, hat eine Exklusivvorführung zu Hause bekommen – und war gerührt. Der mittlerweile 94-Jährige habe „dann noch ein paar Anekdoten erzählt“ und so gut 70 Jahre alte Fußballgeschichte sehr präsent gemacht.
Busse und Lahner haben diesen Besuch bei Gehrcke festgehalten – sie haben mit Fans gesprochen, die damals im Stadion waren, mit der Witwe, der Tochter und der Enkelin des 2018 verstorbenen Hannes Tkotz, der damals den 96-Torreigen in Hamburg eröffnet hatte – und sie haben private Fotos vom Empfang der Meistertruppe in Hannover erhalten.
Am 31. März um 18 Uhr werden die 96-Archivare diese Aufnahmen, den Gehrcke-Besuch und natürlich die neuen alten elf Minuten im Anzeiger-Hochhaus zeigen, weitere Infos rund um das Endspiel 1954 geben und Fragen beantworten.
Die Karten werden verlost,