Und diese weißen, rundlichen Wesen leben in einer etwas surrealen, aber sehr heilen Welt? Das ist das zweite Missverständnis, das es geradezurücken gilt. Der Muminalltag ist alles andere als rosig. Entscheidend ist das, was die Trolle draus machen. Und dafür ist just der erste Band der Kinderbuchserie, der im Herbst 1945 im schwedischsprachigen Original erschienen ist, ein perfektes Beispiel.
Dieses erste Abenteuer beginnt nämlich nicht im idyllischen Mumintal, in dem die knuffigen Wesen gut behütet in ihrem großen blauen Haus leben können. Die Märchenreise, auf die Jansson ihre Mumins stattdessen durch eine morastig-sumpfige Landschaft schickt, muss als Parabel auf den Zweiten Weltkrieg verstanden werden. Der Muminpapa wird vermisst, die Muminmama und der kleine Mumintroll suchen nach einem Zuhause, das ihnen Sicherheit und Schutz bietet. Eine durch äußere Umstände auseinandergerissene Familie, die sich immer wieder aus den Fängen wilder Tiere retten muss.
Die Auftaktgeschichte war zunächst kein Erfolg. Im ersten Jahr wurden gerade einmal 219 Exemplare des Bandes verkauft. Angesichts eines solch bescheidenen Interesses gab es keine direkte Übersetzung ins Finnische. Und im großen Nachbarland Schweden stahl Pippi Langstrumpf den Trollen die Show. Denn auch Astrid Lindgrens erster Roman von dem selbstbewussten Mädchen mit den roten Haaren und den Sommersprossen erschien 1945. Populär wurden die liebenswürdigen Figuren, die heutzutage viele Souvenirs von Finnland-Reisenden schmücken, erst eine Dekade später.
Und das fernab ihrer nordischen Heimat: Damals fanden die Mumins in kleinen Comics in den Londoner „Evening News“ ihren Weg zu einem größeren Publikum – und bauten sich mit ihrer kindlichen und naiven Sicht auf die Welt schnell eine Fangemeinde auf.
Tove Jansson, die offen mit ihrer Lebensgefährtin zusammenlebte, hatte zu diesem Zeitpunkt schon reichlich Berufserfahrung als politische Karikaturistin. Als solche hatte sie unter anderem die Entwicklungen in Nazideutschland in den Blick genommen. Auch ihre Mumincomics richteten sich explizit an ein erwachsenes Publikum.
Mit der plötzlichen Popularität der gezeichneten Trollwesen wuchs das Interesse an den Kinderbüchern – zu Hause in Finnland wie international. Schon bald erschienen erste Geschichten in deutscher Übersetzung. Um den ersten Band jedoch machten die Verlage hierzulande lange einen großen Bogen: Unter dem Titel „Mumins lange Reise“ erschien dieser erst 1992 in deutscher Sprache, mehr als 20 Jahre nach den anderen Bänden der Reihe. Dieses Abenteuer der Trolle erschien den Verantwortlichen bei hiesigen Kinderbuchverlagen einfach nicht kindgerecht genug.
Dabei bestimmen in der Auftakterzählung dieselben fröhlichen Abenteuermotive die Handlungen der Figuren wie in den späteren Episoden. Und umgekehrt lauern auch in den späteren Teilen äußerst handfeste Themen aus der „Erwachsenenwelt” zwischen den Zeilen. Immer wieder ist der Muminkosmos durch äußere Einflüsse bedroht: vom Sturm bis hin zum Kometen.
All das ruft Ängste hervor, motiviert die Mumins aber, nach Lösungen zu suchen und ihren Sehnsüchten nachzugehen. Dabei unterstützen sich alle Beteiligten gegenseitig. Sie lassen einander viele Freiheiten. Mehr noch: Die Wesen schaffen es, mit all den Widersprüchen in all dem Absonderlichen, was ihnen zustößt, zurechtzukommen und immer das Beste aus der Situation zu machen. Trotz aller Bedrohung führen sie ein ruhiges und glückliches Leben.
Viele der Szenen aus dem Muminalltag schmücken heute eine schier unüberblickbare Anzahl von Merchandise-Artikeln. Die Trolle sind nach acht Jahrzehnten ein echtes Geschäftskonzept. Von Kaugummipackungen bis hin zu Socken mit Abbildungen der Figuren ist es vor allem jedoch ein Produkt, das längst Kultstatus hat: die Mumintasse. Jedes Jahr wird die Kollektion um mehrere neue Sammeltassen erweitert.
Auch im eigentlichen Kerngeschäft, bei den Büchern, gibt es nach wie vor Neuerscheinungen. Dabei ist die Erfinderin der Mumins schon seit fast einem Vierteljahrhundert tot. Tove Jansson selbst hatte die Figuren sowieso nur bis Ende der 1950er-Jahre gezeichnet. Quasi mit dem internationalen Durchbruch hat sie sich Abstand zu ihrer Schöpfung gegönnt. Bis 1975 führte ihr Bruder Lars die Comics fort, bevor auch er die kreative Weiterentwicklung abgab. Seine Tochter Sophia kümmert sich noch heute um das Erbe ihrer Tante.
Pünktlich zum Jubiläum wurde die Geschichte des allerersten Bandes in einem Pop-up-Buch adaptiert, was dieses Abenteuer von schon für kleine Kinder zugänglich macht. Das Büchlein „Die Mumins finden ein Zuhause“ hat zehn Seiten – und die sind allesamt zum Anfassen gedacht. Ein später Erfolg dieser sagenhaften Story, die erst in Finnland kaum beachtet wurde und dann hierzulande bis in die 1990er-Jahre nicht verlegt wurde. Angesichts der gegenwärtigen Weltlage dürfte dieses Muminmärchen jedoch aktueller denn je sein.
Die Wesen schaffen es, mit all den Widersprüchen in all dem Absonderlichen, was ihnen zustößt, zurechtzukommen und immer das Beste aus der Situation zu machen.