Hannover im Hitzestress
Stadt setzt auf Klimaanpassung und Sommerhilfe, doch neue Daten zeigen erheblichen Handlungsbedarf

Sonne satt:Temperaturen bis zu36 Grad sollen nachAngaben des Deutschen Wetterdienstes an diesem Wochenende auf Hannover zukommen.Symbolfoto:Clickerhappy / Pexels
Hannover. Nach dem Hitze-Check 2026 der Deutschen Umwelthilfe zählt Hannover zu den besonders belasteten Städten. Die Landeshauptstadt erhält in der Gesamtwertung die rote Einstufung. Bewertet wurden drei Faktoren: der Beschirmungsgrad durch Bäume und höhere Vegetation, der Trend bei der Flächenversiegelung sowie der Hitzebetroffenheitsindex. Rot bedeutet bei der Umwelthilfe jeweils eine besonders ungünstige Bewertung, Gelb eine mittlere Bewertung und Grün eine vergleichsweise günstige Lage. Konkret gilt beim Beschirmungsgrad: Unter 20 Prozent sind rot, 20 bis 29,99 Prozent gelb, ab 30 Prozent grün.

In Hannover fallen zwei der drei Indikatoren rot aus. Der Versiegelungstrend liegt für die Jahre 2018 bis 2025 bei plus 0,59 Prozent. Versiegelung bedeutet, dass Boden dauerhaft mit wasserundurchlässigen Materialien bedeckt ist, etwa durch Gebäude, Straßen, Parkplätze, Gewerbeflächen oder andere befestigte Flächen. Sie entsteht vor allem durch Neubau, Nachverdichtung, Verkehrsflächen und die Umwandlung offener Böden in bebaute oder asphaltierte Flächen. Für die Hitzebelastung ist das entscheidend, weil versiegelte Flächen sich stark aufheizen, Wärme speichern und nachts langsamer abkühlen. Zugleich kann dort weniger Wasser versickern und verdunsten; damit fehlt ein natürlicher Kühleffekt.

Der zweite rote Wert betrifft den Hitzebetroffenheitsindex. Hannover kommt auf 16,79. Dieser Index beschreibt, wie stark Menschen in bewohnten Gebieten von sommerlicher Hitze betroffen sind. Dafür werden nach Angaben der Umwelthilfe Oberflächentemperatur, Versiegelung, Grünvolumen und Bevölkerungsdichte gleichgewichtet ausgewertet.

Beim Beschirmungsgrad erreicht Hannover 25,26 Prozent und damit die gelbe Kategorie. Der Beschirmungsgrad gibt an, welcher Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche von Vegetation bedeckt ist, die höher als 2,5 Meter ist. Gemeint sind vor allem Baumkronen. Sie sind für das Stadtklima besonders wichtig, weil sie Schatten spenden, Oberflächen vor direkter Sonneneinstrahlung schützen und durch Verdunstung kühlen. Den rechnerischen Baumverlust beziffert die Umwelthilfe für Hannover von 2018 bis 2025 auf 12.358 Bäume. Die Zahlen zeigen ein gemischtes Bild: Hannover ist nicht baumarm, aber stark hitzebelastet. Der Beschirmungsgrad liegt deutlich über den Werten vieler südwestdeutscher Städte, die in der bundesweiten Übersicht besonders schlecht abschneiden. Offenburg kommt nur auf 12,78 Prozent, Mannheim auf 14,14 Prozent. Auch große Städte wie Frankfurt am Main mit 20,58 Prozent, Stuttgart mit 21,73 Prozent oder Köln mit 23,80 Prozent liegen unter Hannover. Von Städten mit einer starken Entlastungswirkung durch Baumkronen ist Hannover aber ebenfalls entfernt: Hamburg erreicht 30,99 Prozent, Berlin 32,07 Prozent, Oldenburg 32,33 Prozent und Potsdam 33,80 Prozent.

Gerade im Vergleich mit ähnlichen Großstädten fällt der hohe Hitzedruck auf. München weist bei einem ähnlichen Beschirmungsgrad von 25,61 Prozent einen Hitzebetroffenheitsindex von 16,11 auf. Köln liegt trotz geringerer Baumkronenbedeckung bei 15,99, Bremen bei 14,78 und Hamburg bei 13,89. Damit gehört Hannover nicht zu den extremsten Fällen der bundesweiten Liste, aber klar zu den Städten, in denen dichte Bebauung, Sommerhitze und Bevölkerungsdichte eine hohe Belastung erzeugen.

Auch innerhalb Niedersachsens schneidet Hannover auffällig ab. Nur Langenhagen ist im Hitze-Check ebenfalls rot bewertet. Dort ist der Beschirmungsgrad mit 19,31 Prozent deutlich niedriger, der Versiegelungstrend mit plus 1,02 Prozent aber noch stärker. Hannover hat zwar mehr Baumkronenanteil, kommt aber auf den höchsten Hitzebetroffenheitsindex unter den niedersächsischen Städten. Hildesheim liegt bei 16,17, Braunschweig bei 15,75, Göttingen bei 15,70 und Oldenburg bei 14,00. Beim Baumverlust liegt Hannover mit 12.358 rechnerisch verlorenen Bäumen im Land ebenfalls deutlich vor Braunschweig mit 6.653, Osnabrück mit 6.278 und Oldenburg mit 6.032.

Der bundesweite Befund verschärft die hannoversche Einordnung. Die Umwelthilfe hat alle deutschen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern untersucht. In die Gesamtbewertung fließen der Beschirmungsgrad, der Versiegelungstrend und der Hitzebetroffenheitsindex gleichgewichtet ein. Beim Versiegelungstrend erreicht keine untersuchte Stadt die grüne Kategorie, weil überall zusätzliche Flächen versiegelt wurden. Beim Baumbestand überschreiten nur sieben Städte den Richtwert von mindestens 30 Prozent beschirmter Fläche.

Die Stadt Hannover verweist beim Umgang mit dem Klimawandel auf zwei Linien: Zum einen soll der Ausstoß von Treibhausgasen langfristig sinken, zum anderen bereitet sich die Verwaltung auf Folgen wie Hitze, Starkregen und Trockenheit vor. Bereits 2012 wurde eine lokale Anpassungsstrategie erarbeitet. Sie soll die Lebensqualität unter veränderten klimatischen Bedingungen sichern und verbindet Stadtplanung, Wasserwirtschaft und Grünplanung. Zu den acht Schwerpunkten gehören Hochwasserschutz, Regenwassermanagement, Boden- und Grundwasserschutz, Dachbegrünung, klimaangepasste Vegetation, klimaangepasstes Bauen, eine Fachkarte Klimaanpassung und Öffentlichkeitsarbeit.

Diese Strategie passt zu den Schwachpunkten, die der Hitze-Check sichtbar macht. Mehr Dach- und Fassadengrün kann versiegelte Flächen nicht vollständig ersetzen, aber Gebäude und Straßenräume entlasten. Klimaangepasste Vegetation ist besonders wichtig, weil der Beschirmungsgrad in Hannover nur im mittleren Bereich liegt und die Umwelthilfe Bäume als zentrale Kühlungsfaktoren bewertet. Straßenbäume, Parks, entsiegelte Höfe und begrünte Dächer haben damit nicht nur ökologische, sondern auch soziale Bedeutung. Entscheidend bleibt, ob Maßnahmen schnell genug wirken, um den Verlust an Kronenfläche und die zusätzliche Versiegelung auszugleichen.

Akut sichtbar wird die Hitzefrage bei Menschen ohne Wohnung. Die Stadt koordiniert dafür eine Sommerhilfe im Netzwerk sozialer Einrichtungen. Knapp 30 Einrichtungen haben Trinkwasser im Gesamtvolumen von knapp 20.000 Euro angemeldet. Hinzu kommen Bedarfe für Hygieneartikel, Sonnenschutz und Sommerschlafsäcke in Höhe von etwa 12.000 Euro. Die Zahl der Wasserflaschen soll weiter erhöht werden. Sozialdezernentin Sylvia Bruns verweist darauf, dass obdachlose Menschen bei hohen Temperaturen besonders schutzbedürftig seien.

Zu den Angeboten gehört die Marktkirche. An Hitzetagen ab 30 Grad Celsius wird dort während der Öffnungszeiten Trinkwasser für obdachlose Menschen bereitgestellt. Die Kirche dient zugleich als kühler Ort. Montags bis freitags ist sie von 10 bis 18 Uhr geöffnet, sonnabends von 10 bis 17 Uhr und sonntags von 9.30 bis 18 Uhr. Unterstützt wird das Angebot vom Diakonischen Werk Hannover.

Eine weitere Rolle spielen 22 städtische Trinkwasserbrunnen und mehr als 70 Refill-Stationen, an denen (unter anderem in Freizeitheimen, Apotheken, Restaurants und Geschäften) Trinkwasser entnommen werden darf. Im Juli und August verteilen Mitarbeitende des Tibet-Zentrums Hannover im Rahmen des „Homeless Care Projekts“ zusätzlich Wasser mit Lastenfahrrädern, neben den regelmäßigen wöchentlichen Touren. Auch der Tagesaufenthalt in der Dornierstraße ist Anlaufstelle. Finanziert werden die Maßnahmen aus Spenden, dem städtischen Interventionsfonds und dem Programm zur Klimaanpassung.

Ergänzend informieren Straßensozialarbeit und Ehrenamtliche mit dem Flyer „Tipps bei großer Hitze“. Darin stehen Hinweise zu Trinkwasserbrunnen, öffentlichen Sanitäranlagen und medizinischem Verhalten bei Hitze. Mit der ÜSTRA hat die Stadt vereinbart, dass obdachlose Menschen bei mehr als 30 Grad Außentemperatur Tunnelstationen kurzfristig zur Abkühlung nutzen dürfen. Außerdem verweist die Stadt auf die „Social Kioske“ von Hannover 96, an denen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten kostenlos Wasser erhalten können.

Der Hitze-Check macht damit deutlich, dass Hannover vor einer doppelten Aufgabe steht. Langfristig muss die Stadt Versiegelung begrenzen, Baumkronen erhalten und mehr kühlende Flächen schaffen. Kurzfristig braucht es Schutzangebote für Menschen, die Hitze nicht ausweichen können. Hannover hat dafür Konzepte und Hilfen auf den Weg gebracht. Die roten Werte zeigen aber, dass Anpassung nicht nur eine Planungsaufgabe bleibt, sondern zunehmend zum Maßstab für Gesundheit, Aufenthaltsqualität und soziale Sicherheit in der Stadt wird. R/HR
Infos und Flyer „Tipps bei
großer Hitze“ zum Download: hannover.de/LHH-SommerhilfeKarte der kühlen Orte:
hannover.de/hitze
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