Genau so möchte sich das Schauspiel Hannover in der Saison 2026/27 verstehen. Intendant Vasco Boenisch, die leitende Dramaturgin Valerie Göhring und Cathrin Rose, Leiterin des Jungen Schauspiels und stellvertretende Intendantin, haben kürzlich das neue Programm vorgestellt – und dabei weniger über Premierenzahlen gesprochen als über Haltung. Über Verantwortung. Über Gemeinschaft. Über die Frage, wie Kunst in politisch aufgewühlten Zeiten wirken kann. Das Motto der Pressekonferenz – „L’amore va rischiato“, die Liebe muss riskiert werden – wirkte dabei wie eine poetische Klammer über der gesamten Spielzeit. Denn viele der angekündigten Inszenierungen erzählen letztlich davon, trotz gesellschaftlicher Härte, politischer Spannungen und persönlicher Verletzungen an Nähe, Empathie und dem Glauben an Gemeinschaft festzuhalten.
Dabei liest sich der Spielplan zunächst einmal beeindruckend groß: 19 Premieren sind angekündigt, darunter sieben Uraufführungen, eine deutsche Erstaufführung sowie zahlreiche neue Arbeiten renommierter Regisseurinnen und Regisseure. Mehr als die Hälfte der Produktionen entstehen unter weiblicher oder non-binärer Regie. Bekannte Namen kehren zurück, darunter Falk Richter und Lena Brasch, zugleich prägen internationale Handschriften die kommende Saison.
Doch hinter all den Namen und Produktionen steckt vor allem ein Gedanke: Theater soll ein Ort der Begegnung sein. Ein Raum, in dem unterschiedliche Erfahrungen nebeneinanderstehen dürfen. Boenisch formulierte es bei der Präsentation so: „Wer übernimmt in unserer Zeit Verantwortung – und wie und wofür?“ Diese Frage zieht sich tatsächlich durch beinahe jede angekündigte Inszenierung.
Da ist etwa Shakespeares „Romeo und Julia“, das die neue Saison am Freitag, 11. September, im Schauspielhaus eröffnet – allerdings nicht als romantische Liebesgeschichte, sondern als Stück über verhärtete Fronten und generationsübergreifende Konflikte. Oder Thomas Melles Roman „Haus zur Sonne“, der sich dem Thema Sterben nähert und als atmosphärisch dichtes Gesellschaftswerk beschrieben wird. Auch Henrik Ibsens „Hedda Gabler“, Brechts „Trommeln in der Nacht“ und der monumentale „Ring des Nibelungen“ stehen auf dem Programm – letzterer in einer Fassung für Profis und Nicht-Profis im Ballhof 1.
Auffällig ist, wie stark sich viele Produktionen mit gesellschaftlichen Brüchen beschäftigen. Mit Männlichkeitsbildern, Einsamkeit, Gewalt, digitaler Entfremdung oder der Frage, wie Gemeinschaft überhaupt noch funktionieren kann. Nora Abdel-Maksouds neues Stück „Wokey Wokey“ verbindet Orwell’sche Dystopie mit Gegenwartsanalyse, Anita Vulesicas Uraufführung „Der Krieg ist vorbei“ kreist um die Zerbrechlichkeit von Wirklichkeit und Wahrheit. Und Falk Richter schreibt mit „The Early Light of Spring“ eigens für Hannover ein neues Stück über Hoffnung und Zukunft in einer krisenhaften Welt.Gleichzeitig wirkt die kommende Saison erstaunlich offen und nahbar. Dass sich das Theater dabei nicht nur auf seine Bühnen beschränken will, zeigt sich an zahlreichen Projekten in der Stadtgesellschaft. Mit „Urban Prayers Hannover“ wandert das Schauspiel direkt hinein in unterschiedliche Glaubensgemeinschaften. Gesprächsreihen, Stadtdramaturgie, Performances, Spaziergänge, Konzerte und Diskussionsformate sollen den Austausch mit dem Publikum weiter vertiefen. Theater versteht sich hier nicht als abgeschlossener Kulturraum, sondern als lebendiger Ort der Begegnung.
Besonders eindrücklich klingt das Programm des Jungen Schauspiels. Dort geht es nicht um pädagogische Pflichtübungen, sondern um echte Perspektiven junger Menschen. „Die rote Zora“, „Und die Welt, sie fliegt hoch“ oder Sophokles’ „Antigone“ erzählen von Selbstbestimmung, Freundschaft und Widerstand. Cathrin Rose sagte bei der Vorstellung einen Satz, der vielleicht beispielhaft für die gesamte Spielzeit steht: „Wir können viel von jungen Menschen lernen.“ Dass das Interesse am Schauspiel Hannover derzeit groß ist, zeigen auch die Zahlen. Rund 105.000 Besucherinnen und Besucher kamen bislang in der laufenden Spielzeit zu den etwa 550 Veranstaltungen. Die Auslastung liegt nach Angaben des Hauses bei mehr als 72 Prozent, auch die Zahl der Abonnements ist gestiegen.
Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht sehnen sich viele Menschen gerade nach genau solchen Orten: nach Räumen, in denen die Welt nicht einfacher gemacht wird, aber gemeinsam ausgehalten werden kann. Das Schauspiel Hannover scheint diese Sehnsucht verstanden zu haben. Die neue Spielzeit jedenfalls wirkt nicht wie eine Flucht aus der Gegenwart. Sondern wie der Versuch, ihr offen zu begegnen.