Echte Handarbeit
Ins Goldene Buch der Stadt trägt sich internationale Prominenz aus aller Welt ein – mit Füller oder Stift. Handschriftlich und ganz ohne Tastatur. Eine Würdigung der selbst geschriebenen Worte.

Trotz kleiner Panne noch gut lesbar: Der Eintrag von Barack Obama.
Hannover. Hat die Handschrift eine Zukunft? Im Goldenen Buch der Stadt Hannover ganz sicher. Etliche prominente Besucher haben sich in dem Band verewigt, der heute einen weinroten Einband hat. Ihre Signaturen wirken wie ein variantenreicher Gruß zum Welttag der Handschrift, der seinen Ursprung in den USA hat und seit 1977 alljährlich am 23. Januar begangen wird, um die kulturelle Bedeutung des Schreibens mit der Hand zu betonen.

Das Goldene Buch als Institution existiert bereits seit 1913, es wird mittlerweile im vierten Band fortgeführt. Wer es durchblättert, stößt auf vieles, das kaum lesbar ist, ebenso wie auf kleine Zeichenkunstwerke.

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat es sich bei seinem Besuch der Hannover Messe im Jahr 2016 nicht nehmen lassen, seine Handschrift im Goldenen Buch zu hinterlassen. „Ich freue mich, an dieser herausragenden Veranstaltung teilzunehmen, die die starke Verbindung zwischen amerikanischen und deutschen Unternehmen und den Menschen repräsentiert“, schreibt er. Sogar seinen eigenen Kugelschreiber brachte Obama mit, nach einer gründlichen Kontrolle seiner Sicherheitsbeamten durfte dann aber doch der übliche Stift der Stadt verwendet werden. Eine Panne passiert ihm trotzdem: Der Ex-US-Präsident ist Linkshänder – und hat beim Schreiben mit der Hand versehentlich über seine Zeilen gewischt, wie eine Sprecherin der Stadt berichtet. Der Eintrag ist dennoch lesbar – und dabei fällt auf, dass die recht unspektakuläre Handschrift mit der markanten Signatur – einem gewaltigen B und O – kontrastiert.

Der US-Künstler Sanford Wurmfeld hat zu den Zeichenkunstwerken im Goldenen Buch beigetragen, als er sich im vergangenen Frühjahr darin verewigte. Der mittlerweile 83-Jährige war nach Hannover gekommen, um die Wiederkehr seiner beliebten Skulptur „Diamant II“ vor die Markthalle zu feiern; das Kunstwerk war 2013 dort abgebaut, grundlegend saniert und 2025 wieder am angestammten Standort installiert worden. Der Künstler hat eine (einfarbige) Skizze des bunten Plexiglaswürfels ins Goldene Buch gezeichnet und bedankt sich mit warmen Worten bei den Hannoveranerinnen und Hannoveranern für ihre Anerkennung.

Nach seinem Besuch im vergangenen Jahr trug sich der indische Botschafter Ajit Gupte ins Goldene Buch ein. Dabei lobte er Hannover als Zentrum für Innovation und Bildung sowie die enge Zusammenarbeit mit Indien. Ein interessantes Stilmittel: Seine Schlagworte, wie „Hannover“, „Innovation“ oder „Partnerstadt“ schreibt er in Versalien – sie fallen sofort ins Auge. Auch sonst ist Guptes Schrift mitunter die leserlichste im ganzen Buch.

Auch Igor Levit, Starpianist mit besonderem Bezug zu Hannover, durfte seine Signatur im Goldenen Buch hinterlassen. Seit 2019 ist er Professor für Klavier an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Seine Worte bleiben im Gedächtnis: „Von Herzen und in Dankbarkeit“ hat er in schwungvoller Schreibschrift geschrieben – und diesen Worten seine noch schwungvollere Signatur hinzugefügt.

Nachdem die Prominenz ihre Zeilen geschrieben hat, ist der Akt des Eintrags ins Goldene Buch noch nicht beendet. Das Rathaus bestellt danach einen Kalligrafen ein, der den Anlass des jeweiligen Besuchs in ausgewählter, edler Schrift an den unteren Seitenrand schreibt. Diese Schrift ist so präzise angelegt, dass man fast denken könnte, sie sei gedruckt. Der Berufsstand der Kalligrafen dürfte sich über den Welttag der Handschrift besonders freuen. Der inoffizielle Aktionstag soll die Bedeutung des handschriftlichen Schreibens hervorheben und Menschen dazu ermutigen, wieder häufiger mit Stift und Papier zu schreiben, statt lediglich in die Computertastatur oder auf dem Smartphone zu tippen.

Sein Ursprung in den USA und das Datum 23. Januar hängen mit dem Geburtstag von John Hancock zusammen, dem Politiker, der als Erster am 4. Juli 1774 die Unabhängigkeitserklärung der USA unterzeichnete – und für seine große und auffällige Unterschrift bekannt war. Doch die Handschrift scheint in Gefahr: Erst im vergangenen Jahr wurden in Niedersachsen Forderungen laut, die verpflichtende Schreibschrift an Schulen vollständig abzuschaffen. Ausgelöst wurde die Debatte unter anderem durch den Landesschülerrat, der argumentierte, dass im Schulalltag zunehmend digitale und funktionale Schreibformen im Vordergrund stünden. Das Kultusministerium und zahlreiche Bildungsexpertinnen und -experten widersprachen jedoch und betonten die Bedeutung der Handschrift als Persönlichkeitsmerkmal und Werkzeug für die kognitive Entwicklung.



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