Mehr als eine Frage
der Beweglichkeit
Wenn die Tage kälter sind, werden die Muskeln schwerfälliger, steifer – umso wichtiger
ist es, sie regelmäßig zu dehnen. Im Winter sollten wir unserem Körper gut zuhören.

Unsere Muskulatur ist nicht nur Kraft- oder Bewegungsorgan, sondern ein fein abgestimmtes Wahrnehmungsinstrument.Symbolfoto: Pavel Danilyuk / Pexels
Berlin. Im Winter wird unser Bewegungsradius kleiner. Wir sitzen mehr, gehen vorsichtiger, ziehen die Schultern hoch gegen die Kälte und sparen unbewusst Wege, die im Sommer selbstverständlich waren. Viele Menschen beschreiben in dieser Zeit ein ähnliches Körpergefühl: steifer Nacken, schwerere Beine, ein Rücken, der sich morgens nur widerwillig meldet. Oft wird das als altersbedingt oder unvermeidlich abgetan. Tatsächlich aber reagiert hier ein hochsensibles System auf veränderte Bedingungen. Dehnen ist in diesem Zusammenhang weit mehr als eine Frage der Beweglichkeit. Es ist ein Dialog mit dem Nervensystem.

Unsere Muskulatur ist nicht nur Kraft- oder Bewegungsorgan, sondern ein fein abgestimmtes Wahrnehmungsinstrument. In ihr sitzen spezialisierte Sensoren – die Muskelspindeln –, die permanent messen, wie lang ein Muskel ist und wie schnell er gedehnt wird. Sie melden jede Veränderung in Echtzeit an das zentrale Nervensystem. Wird ein Muskel plötzlich oder ungewohnt gedehnt, reagieren sie reflexartig mit einer Schutzspannung. Dieser sogenannte Muskelspindelreflex bewahrt uns vor Überdehnung – macht uns im Alltag aber auch steif und vorsichtig.

Gerade im Winter ist dieses Schutzsystem besonders aktiv. Kälte, weniger Bewegung, längere Sitzphasen und ein insgesamt reduziertes Bewegungstempo führen dazu, dass Muskeln seltener in ihre volle Länge gebracht werden. Die Muskelspindeln lernen: Dehnung ist ungewöhnlich, potenziell riskant. Die Toleranz gegenüber Längenveränderungen sinkt. Die Folge ist nicht nur ein subjektives Steifheitsgefühl, sondern auch eine schnellere und stärkere Reflexantwort bei ungeplanten Bewegungen – etwa beim Ausrutschen, Stolpern oder hastigen Drehen.

Regelmäßiges, ruhiges Dehnen setzt genau hier an. Es verändert nicht die Anzahl der Muskelspindeln – diese ist genetisch festgelegt –, wohl aber ihre Sensibilität. Durch wiederholte, kon¬trollierte Dehnreize lernt das Nervensystem, dass Länge kein Alarmzustand ist. Die Muskelspindeln reagieren gelassener, die Reflexantwort wird abgeschwächt, die Beweglichkeit nimmt zu. Nicht, weil der Muskel mechanisch länger gezogen wird, sondern weil das Gehirn Sicherheit signalisiert bekommt.

Das erklärt, warum Dehnen mit der Zeit nicht nur beweglicher, sondern auch koordinierter macht. Bewegungen fühlen sich runder an, Übergänge weicher, das Gleichgewicht stabiler. Genau deshalb sind scheinbar extreme Bewegungen wie im Turnen oder Eiskunstlauf überhaupt möglich: nicht durch Gewalt gegen den Körper, sondern durch eine außergewöhnlich hohe Dehntoleranz und eine fein abgestimmte neuromuskuläre Kontrolle.

Wichtig ist dabei der Kontext. Dehnen entfaltet seine Wirkung nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit anderen Trainingsformen. Krafttraining verbessert die Spannungsregulation der Muskulatur und schult die Muskelspindeln darin, Veränderungen differenzierter wahrzunehmen. Koordinative Übungen und Gleichgewichtstraining verfeinern die Rückmeldung über Körperposition und Bewegung. Reaktive Belastungen trainieren die Fähigkeit, auf Dehnung schnell und kontrolliert zu antworten. All diese Facetten greifen ineinander.

Im Winter jedoch kommt dem Dehnen eine besondere Rolle zu. Es wirkt wie ein Gegenpol zur jahreszeitlichen Schutzspannung. Nicht fordernd, nicht explosiv, sondern beruhigend. Wer sich regelmäßig Zeit nimmt, Muskeln langsam in die Länge zu führen, gibt dem Nervensystem Gelegenheit, Vertrauen zurückzugewinnen. Der Körper darf loslassen, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Dabei geht es nicht um maximale Dehnpositionen oder sportliche Ambitionen. Entscheidend ist die Qualität: langsam, gleichmäßig, ohne ruckartige Bewegungen. Der Atem wird zum Taktgeber, die Wahrnehmung zum Maßstab. Dehnen wird so zu einer Form der Selbstregulation – leise, aber wirkungsvoll.

Gerade in der zweiten Lebenshälfte zeigt sich dieser Zusammenhang besonders deutlich. Bewegungsmuster sind über Jahre gefestigt, Pausen werden länger, Warnsignale des Körpers lauter. Wer jetzt ausschließlich auf Schonung setzt, verstärkt ungewollt die Schutzprogramme des Nervensystems. Sanftes, regelmäßiges Dehnen hingegen schafft einen sicheren Rahmen, in dem der Körper neue Erfahrungen machen kann. Es erinnert Muskeln und Nervensystem daran, dass Beweglichkeit kein Risiko, sondern eine Ressource ist – auch und gerade in einer Lebensphase, in der Stabilität, Sicherheit und Selbstwirksamkeit an Bedeutung gewinnen. Es geht nicht um Leistung, sondern um Beziehung zum eigenen Körper. Ganz ruhig.

Viele unterschätzen diesen Effekt. Dabei liegt gerade hier ein Schlüssel für langfristige Beweglichkeit, Sicherheit und Wohlbefinden. Nicht als isolierte Trainingseinheit, sondern als Haltung gegenüber dem eigenen Körper: zuhören statt übergehen, reagieren statt funktionieren. Genau darum geht es im Buch „Die Stimme unseres Körpers – Wie wir seine Signale besser verstehen und unsere Gesundheit schützen“.

Zur Person:
Ingo Froböse ist emeritierter
Professor für Prävention und
Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln.

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