Sie glitzern und funkeln, die neuen Anzüge der Mädchen. Pailletten sind auf den lilafarbenen Stoff aufgenäht. Und nach denen suchen die acht- bis zehnjährigen Athletinnen im Anschluss an das Training – die fallen bei den intensiven Einheiten bisweilen ab. Wie Sternchen liegen sie auf den Matten und werden geborgen wie Schätze. Die Eltern der Mädchen von der Turn-Talentschule (TTS) des Deutschen Turner-Bundes in Badenstedt kleben sie später wieder an. Die maßgeschneiderten Anzüge sind teuer und im Dauereinsatz.
Die TTS ist kein klassischer Verein, das Geld ist daher knapp. „Die Eltern zahlen die Trainer, weiteres Geld bekommt die Schule nicht“, sagt Johanna Wenzel vom Förderverein der TTS.
Ein Fall für die NP-Sportstiftung! Sie hat 15 neue Trikots im Wert von 1800 Euro spendiert. Bei der Präsentation der schicken Anzüge muss Matilda leider passen. Sie ist auf eine Wespe getreten, bekam einen Stich ab und kann nur eingeschränkt trainieren. Dieser Stich sitzt jedoch nicht ganz so tief, immerhin trägt Matilda den lila Dress ja sonst auch. „Wir sind absolut glücklich, dass wir die Anzüge anschaffen konnten und auf die Eltern keine weiteren Kosten zukamen“, betont Wenzel. Die neuen Textilien werden besonders pfleglich behandelt und nur mit der Hand gewaschen, um die Steinchen zu schon. Der VfL Eintracht Hannover ist Trägerverein der Talentschule, die sich selbst trägt und organisiert. VfL-Vizepräsident Stefan Roeder ist der Verwalter. Die Mädchen kommen aus ganz Niedersachsen, „sie sind alle noch in ihren Heimatvereinen, wo sie Beiträge zahlen“, so Wenzel. Zu den Reisekosten kommen die Beiträge für die TTS. „Leistungssport ist in diesem Fall ein Familienprojekt“, sagt Wenzel, deren Tochter Olivia zu den rund 25 Mädchen gehören, die im bestens ausgestatteten Turnzentrum üben. „Für die Nachwuchsarbeit im Turnen ist die TTS unverzichtbar“, unterstreicht Wenzel. Die Mädchen legen eine kurze Pause ein. „Ich finde die Farbe schön, und bequem sind sie auch“, ruft Olivia fröhlich. Liebstes Gerät der jungen Damen ist der Boden, sie drehen obendrein gern ihre Runden am großen Reck. Die Hände stecken dann in Schlaufen, damit nichts passieren kann. „Das ist wie Fliegen“, sagt Johanna begeistert. Das Tolle an dieser Übung: Dabei gehen nicht so schnell die Pailletten verloren. Das dürfte Jannis Rosendorff freuen, der Mann aus Lemke hat die Anzüge genäht. Das Multitalent war schon mehrfach beim Feuerwerk der Turnkunst dabei, unter anderem mit einer wohl einzigartigen Nummer (inklusive mit Salti und Spagat) auf dem Schwebebalken.
In der Talentschule ist er einer der Co-Trainer. „Wenn etwas auszubessern ist am Stoff, hilft Jannis immer gern“, sagt Wenzel. Die TTS hat etliche Turnerinnen hervorgebracht, die inzwischen in der 1. und 2. Bundesliga an die Geräte gehen. Die KTG VfL Eintracht Hannover ist der einzige Verein mit Riegen in beiden Staffeln. Die jüngeren Mädchen fiebern mit den etwas älteren der KTG mit, sie verfolgen deren Einsätze im Livestream – immerhin üben sie in Badenstedt ja zusammen.
Inzwischen ist die Saison beendet, der vierte von Wettkämpfen ist absolviert. In einem Schlussspurt haben beide Mannschaften die Klasse gehalten. „Der Zusammenhalt ist riesig bei uns, wir verstehen uns als ein großes Team”, sagt Landestrainerin Caroline Nowak. Für beide KTG-Riegen hat ebenfalls Rosendorff die Anzüge genäht – in Lila, die Farbe steht inzwischen für Hannover. Eines Tages selbst in der Bundesliga dabei zu sein, davon träumen die Mädchen der Talentschule wohl alle. Ein lila Traum. Mit Pailletten.