Fröhliche Apokalypse
Neustart in der Kestner Gesellschaft:
Cauleen Smith feiert in der abgründigen Ausstellung „The Volcano Manifesto“ die Kraft der Natur

Erste umfassende Werkschau in Deutschland: Cauleen Smith in der Kestner Gesellschaft.Foto: Irving Villegas
Hannover. Am Anfang war das Wort. Die US-amerikanische Künstlerin Cauleen Smith präsentiert in ihrer neuen Schau „The Volcano Manifesto“ in der hannoverschen Kestner Gesellschaft viele der Bücher, mit denen sie sich bei ihren künstlerischen Recherchen in den vergangenen zehn Jahren beschäftigt hat. Einige davon liegen auf einem Couchtisch gleich im ersten Raum der Ausstellung, der wie ein Lesezimmer gestaltet ist.

Ledersofas auf weichen Teppichen laden hier zum Verweilen und Hineinlesen ein, auf einem Plattenspieler an der Seite kann man eine der bereitstehenden LPs abspielen. Es ist der gemütliche Auftakt einer Schau, die sich im weiteren Verlauf als zunehmend beunruhigend erweist. Cauleen Smith feiert in ihrer Arbeit unter anderem die apokalyptische Kraft der Natur, die der Erde neue Perspektiven auch ohne den Menschen eröffnen könnte.

„The Volcano Manifesto“ ist eine Meditation über die Zukunft unseres Planeten und die erste umfassende deutsche Einzelschau der 58-jährigen Künstlerin, die seit Langem in Los Angeles lebt. Das Interesse an ihrer Arbeit nimmt international gerade sehr stark zu. Eva Birkenstock, der neuen Direktorin der Kestner Gesellschaft, ist mit ihrer ersten Schau als Nachfolgerin von Adam Budak gleich ein Coup geklungen.

Außer auf dem Lesetisch am Eingang sind die Bücher von Smith als Gouachen an den Wänden auch in weiteren Räumen präsent: Die Hand einer schwarzen Person hält darauf dem Betrachter das jeweilige Buchcover entgegen. Es gibt Romane und Sachbücher, Lehrwerke zu Geologie und Botanik, historische und zeitgenössische Perspektiven auf das Schwarz-Sein, eine „Neue Geschichte der Menschheit“ und die „Poesie der Weite“.

Die gemalte Literaturliste wird zu einer Art Ahnengalerie der Ideen und Inspirationen auf dem Weg zum eigentlichen Werk.Gleichsam umzingelt von Theorie, eröffnen sich so auch dem Besucher viele mögliche Perspektiven auf ein Werk, das gerade mit seiner Offenheit beeindruckt.

Im Zentrum der Schau steht eine große dreiteilige Videoarbeit, die der Ausstellung den Namen gegeben hat und in der es unter anderem um Vulkanausbrüche und die mineralische Kunstwelt einer Mine geht. Smith hat ihre Karriere noch zu Studienzeiten sehr erfolgreich als Filmemacherin begonnen. Nach und nach eroberten sich ihre Arbeiten von der Leinwand aus den Raum. In Hannover treten nun Filme und bunt collagierte Stoffbanner, Zeichnungen, Wachsskulpturen und Installationen in Dialog mit den Sälen der Kestner Gesellschaft, die sich so zu Denkräumen weiten.

An den Wänden eines Ganges im oberen Saal, dessen Himmelsbläue sich nach oben hin lichtet, hängen polierte Platten aus Lavagestein. Deren glänzende Oberflächen haben der Künstlerin zufolge schon den Maya geholfen, die Sonnenfinsternis zu beobachten: Die geheimnisvoll schwarz spiegelnde Flächen können Einblicke eröffnen in das, was nicht direkt zu sehen ist.

Aus wachsähnlichem Material hat Smith eine Reihe von Skulpturen geschaffen, die an geologische Modelle erinnern, die die verschiedenen Sediment- und Gesteinsschichten einer Landschaft abbilden. An der Oberfläche brennen einige Dochte, und doch zehren die von Öl gespeisten Flammen die Wachsskulpturen nicht auf.

In einigen ihrer Videos und Stoffbanner zeigt Smith fröhlich die apokalyptische Gewalt der Vulkane als heilbringendes Mittel zum Neuanfang. In ihren Skulpturen feiert sie mit ewigem Licht auch die Resilienz und Beharrungskraft der Natur. Im Zusammenklang offenbart sich eine ganz eigene Sprache, mit der die Künstlerin von den großen Problemen der Gegenwart und möglichen Lösungen erzählt.

Mit ihren Arbeiten im Erdgeschoss öffnet Smith zudem eine originelle Schule des Sehens. Auf großen Videovorhängen mischen sich vorproduzierte Filme von Landschaften und Menschen mit starr stehenden Bildern von Kitschskulpturen, Plastikpferden und einem VW-Bus, die die Künstlerin versteckt auf einem Tisch im hinteren Ende des Saals arrangiert hat und die von dort live auf die Leinwände übertragen werden. Das Bild unserer Gegenwart kann wohl kaum anders sein als rätselhaft.

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