Der Planet käme klar

Am Badesee wirkt eine Libelle, als hätte jemand ein Wesen aus der Zukunft in die Gegenwart gesetzt. Sie steht in der Luft, schießt zur Seite, bremst, kippt, steigt wieder auf. Kein Taumeln, kein Umweg, kein „Entschuldigung, ich muss hier mal vorbei“. Libellen fliegen so präzise, dass jede Drohne daneben aussieht wie ein Einkaufswagen mit kaputtem Rad.Dabei sind sie keine neue Erfindung. Ihre Vorfahren waren schon unterwegs, lange bevor es Menschen gab, lange vor Städten, Badetüchern, Sonnencreme und der Frage, ob man den Parkplatz noch bis 18 Uhr bezahlen muss. Libellen haben Eiszeiten, Vulkane, Kontinente auf Wanderschaft und das Ende der Dinosaurier erlebt. Nicht persönlich natürlich, aber als Bauplan. Als Idee mit Flügeln. Offenbar war diese Idee ziemlich gut.

Und dann sitzt man am Wasser, irgendwo zwischen Wespenabwehr, Pommesgeruch und dem Versuch, die Luftmatratze wieder einzufangen, und plötzlich fliegt da ein Tier vorbei, das älter ist als fast alles, was wir für wichtig halten. Die Erde hat solche Ideen im Überfluss. Moose, Pilze, Schilf, Ameisen, Algen, Eichen, Krähen. Lauter Lebensformen, die ohne uns keine Sekunde lang beleidigt wären. Der Planet braucht Menschen ungefähr so sehr, wie er Dinosaurier gebraucht hat. Er käme klar. Anders vielleicht. Aber klar.

Wenn wir also sagen, wir müssten den Planeten Erde retten, ist das vermutlich ein bisschen hoch gegriffen. Die Erde wird sich auf Dauer schon helfen. Notfalls, indem sie uns irgendwann von sich herunterputzt wie eine überdrehte Betriebsstörung, die ein paar hundert Jahre lang zu viel Krawall gemacht hat. Nicht als Strafe. Nur als Folge, die bereits wissenschaftlich berechnet wurde. Was wir retten können, ist unser eigenes Leben. Und das der Kinder, die am Ufer mit Keschern stehen und noch glauben, dass jedes glitzernde Tier eine kleine Sensation ist. Damit liegen sie wahrscheinlich richtiger als wir.

Vielleicht beginnt Vernunft genau dort: bei der Erkenntnis, dass dieser irre schöne Planet kein Selbstbedienungsladen ist. Sondern ein Ort voller kleiner und großer Wunder, wenn wir uns nur Zeit nehmen, etwas genauer hinzuschauen.

Die Rubrik „Um Himmels Willen“ macht Sommerpause bis zum 15. August. Bis zu ihrer Rückkehr erscheinen an dieser Stelle kleine Sommergedanken zwischen Himmel, Erde und Alltag.

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