Natürlich könnte man das Rad einfach stehen lassen. Oder sich ärgern, laut und ausdauernd. Man könnte auch sagen: Lohnt sich doch nicht mehr. Alt ist es sowieso. Der Sattel quietscht, der Korb wackelt, die Gangschaltung hat eine eigene Meinung. Weg damit.
Oder jemand holt Flickzeug. Dann liegt das Rad plötzlich auf dem Rücken, die Pedale zeigen in den Himmel, und alles sieht für einen Moment schlimmer aus als vorher. Das ist bei Reparaturen oft so. Erst muss etwas auseinander, bevor es wieder zusammenfinden kann. Der Schlauch kommt aus dem Mantel, eine Schüssel Wasser zeigt die undichte Stelle, ein kleines Bläschen verrät den Schaden. Dann wird gerieben, geklebt, gedrückt, gewartet. Keine große Heldentat. Nur zwei Hände, ein bisschen Geduld und die Weigerung, etwas vorschnell aufzugeben.
Es gibt eine eigene Zufriedenheit, wenn Dinge wieder funktionieren. Eine Lampe, ein Stuhl, ein Reißverschluss, ein altes Radio, ein Fahrrad. Vielleicht, weil Reparieren mehr ist als Sparsamkeit. Es ist ein kleiner Widerspruch gegen die Behauptung, alles müsse immer neu sein und schnell ersetzt.
Die Natur macht es nicht anders. Sie flickt ständig. Eine Wunde am Baum überwallt langsam. In Mauerritzen siedeln sich Pflanzen an. Auf gestörtem Boden wächst zuerst, was mit wenig auskommt. Nichts davon geschieht romantisch oder ordentlich. Aber es geschieht. Leben sucht Anschlussstellen.
Vielleicht mögen deshalb so viele Menschen Werkstätten, Schuppen, Nähkästchen, Garagen und Küchentische, auf denen Schrauben liegen. Dort kann man sehen, dass Veränderung nicht immer mit großen Worten beginnt. Manchmal beginnt sie mit einem Flicken, einer Zange, einem Stück Restholz oder einer Idee, die noch nicht schön aussieht, aber erstmal funktioniert.
In Japan gibt es die Kunst des Kintsugi, zerbrochene Keramik mit Gold zu reparieren. Die Bruchlinien werden nicht versteckt, sondern sichtbar gemacht. Ausgerechnet dort, wo etwas beschädigt war, entsteht eine neue Schönheit. Nicht, weil der Bruch gut war. Sondern weil jemand entschieden hat: Das hier ist noch nicht verloren.
Nicht alles lässt sich reparieren. Das stimmt. Manche Brüche bleiben. Manche Dinge haben ihre Zeit gehabt. Aber vielleicht werfen wir manches zu früh weg: Gegenstände, Orte, Möglichkeiten, auch Vertrauen.
Ein geflickter Reifen ist kein Weltrettungsprogramm. Aber er rollt wieder. Und manchmal ist genau das der Anfang.
Die Rubrik „Um Himmels Willen“ macht Sommerpause bis zum 15. August. Bis zu ihrer Rückkehr erscheinen an dieser Stelle kleine Sommergedanken zwischen Himmel, Erde und Alltag.