„Sehstoff“bei GlowArt
Wenn Kunst nicht nur betrachtet,
sondern erlebt wird

Die neue Ausstellung in der GlowArt Gallery beschäftigt sich mit Wahrnehmung.Marion Fuchs: "Hide and seek". Courtesy of the artist / GlowArt Gallery
Laatzen. Zwischen Licht, Farbe, Emotion und Wahrnehmung entsteht in Laatzen im Mai ein Ausstellungsprojekt, das bewusst mehr sein will als eine klassische Vernissage. Unter dem Titel „Sehstoff – Mehr sehen. Mehr spüren.“ präsentiert die GlowArt Gallery im Leine Center ab dem 12. Mai eine Gruppenausstellung mit acht Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands. Gemeinsam verbindet sie die Frage, wie Kunst unsere Wahrnehmung verändert. Die Ausstellung ist bis zum 28. Mai zu sehen.

Bereits der Titel deutet an, worum es den Beteiligten geht: Sehen nicht nur als optischen Vorgang zu verstehen, sondern als emotionales und körperliches Erleben. Die Ausstellung setzt dabei auf starke Kontraste, unterschiedliche Techniken und sehr persönliche Bildsprachen. Besucher erwartet kein einheitlicher Stil, sondern ein bewusst offener Dialog zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Ruhe und Dynamik, zwischen Oberfläche und innerer Bewegung.

Schon beim ersten Blick wird deutlich, dass die Ausstellung mit Wahrnehmung spielt. Manche Werke wirken unmittelbar zugänglich, andere entfalten ihre Wirkung erst nach längerer Betrachtung. Einige Arbeiten arbeiten mit Licht und Materialität, andere mit Fragmenten menschlicher Körper, Erinnerungen oder emotionalen Zuständen. Genau diese Vielschichtigkeit macht „Sehstoff“ zu einem Ausstellungskonzept, das nicht allein auf Dekoration oder schnelle Wirkung setzt, sondern auf Atmosphäre und Resonanz.

Eine zentrale Position der Ausstellung nimmt die Hannoveraner Künstlerin Wibke Schulz ein. Ihre Malerei bewegt sich zwischen Figuration und Auflösung. Menschen erscheinen in ihren Bildern nie als klar definierte Körper, sondern als fragile, beinahe flüchtige Erscheinungen. Mit offenen Gesten, Überlagerungen und kräftigen Farbkontrasten schafft sie Werke, die Verletzlichkeit und Präsenz zugleich ausstrahlen. Dabei verbindet Schulz ihre langjährige Erfahrung als User-Experience-Designerin mit einer sehr emotionalen Bildsprache.

Auch Sascha Lantzsch beschäftigt sich mit Wahrnehmung als Prozess. Der Künstler aus der Region Hannover fand vergleichsweise spät zur Malerei und entwickelte während der Pandemie eine intensive künstlerische Praxis. Seine Werke bewegen sich zwischen Abstraktion und Figuration, zwischen sichtbarer Form und Auflösung. Linien, Farbflächen und rhythmische Strukturen erinnern dabei teilweise an musikalische Kompositionen, was nicht zufällig ist: Lantzsch war ursprünglich im Bereich Musik und Bühnenarbeit tätig. Seine Bilder wirken wie visuelle Übersetzungen innerer Zustände.

Internationale Perspektiven bringt Marcos Vieira in die Ausstellung ein. Der gebürtige Brasilianer lebt seit vielen Jahren in Deutschland und entwickelte mit dem von ihm geprägten Begriff „Globismus“ eine eigene künstlerische Richtung. Kugelformen, Lichtpunkte und energetische Zentren prägen seine Arbeiten. Vieiras Kunst setzt bewusst weniger auf intellektuelle Deutung als auf unmittelbares Gefühl. Seine Werke waren bereits international ausgestellt und gehören teilweise zu öffentlichen Sammlungen. Für Laatzen bedeutet seine Beteiligung zugleich eine Rückkehr: Bereits in früheren Jahren war er mit regionalen Ausstellungen im Umfeld des Leine-Centers präsent.

Einen ruhigeren, fast meditativen Gegenpol bildet die Malerei von Kirsten Wallbaum. Die Künstlerin aus Wunstorf-Steinhude arbeitet mit Landschaft, Horizont und Erinnerung. Ihre Werke zeigen keine klassischen Ansichten, sondern atmosphärische Räume zwischen Fernweh und innerem Erleben. Sandige Töne, Blauflächen und reduzierte Kompositionen prägen ihre Bildsprache. Teilweise integriert sie auch Materialien wie Holz oder Sand in ihre Arbeiten und erweitert damit die Malerei um eine haptische Ebene.

Eine besondere Rolle innerhalb der Ausstellung spielt außerdem die Lichtkunst von Gisela Grünling. Ihre Werkserie „Supernova“ verändert sich unter Schwarzlicht vollständig und eröffnet eine zweite visuelle Ebene. Spezielle UV-aktive Pigmente lassen die großformatigen Arbeiten förmlich leuchten und schaffen ein immersives Erlebnis zwischen Farbe, Raum und kosmischer Assoziation. Gerade im Zusammenspiel mit der Galeriebeleuchtung entsteht dadurch eine Atmosphäre, die klassische Sehgewohnheiten bewusst irritiert.

Mit Marion Fuchs ist zudem eine Künstlerin vertreten, deren Arbeiten von stillen Übergängen und flüchtigen Momenten erzählen. Die ausgebildete Archäologin und Kunsthistorikerin verbindet skizzenhafte Leichtigkeit mit emotionaler Tiefe. Ihre Bilder beschäftigen sich mit Bewegung, Rückzug und inneren Veränderungen. Ergänzt wird dies durch eine enge Verbindung von Schreiben und Malerei, die ihre Werke zusätzlich prägt.

Barbara Hyska wiederum verbindet architektonische Präzision mit expressiver Farbigkeit. Die in Polen geborene Künstlerin arbeitet zwischen Zeichnung, Collage und Malerei. Im Mittelpunkt stehen häufig Porträts und emotionale Zustände, die sie mit kräftigen Linien und intensiven Farben sichtbar macht. Ihre Werke wirken direkt, modern und bewusst energiegeladen.

Komplettiert wird die Ausstellung durch die Hannoveraner Künstlerin Agata Monika Kwiatkowski. Ihre großformatigen Porträts bekannter Persönlichkeiten verbinden Spachteltechnik, starke Kontraste und expressive Farbwelten. Ikonen wie Frida Kahlo oder John Lennon erscheinen in ihren Arbeiten nicht als realistische Abbilder, sondern als emotionale Neuinterpretationen.

Gerade dieses Nebeneinander unterschiedlicher Handschriften macht „Sehstoff“ spannend. Die Ausstellung lebt nicht von einem einzigen Stil, sondern von Reibung, Wechselwirkung und Atmosphäre. Sie richtet sich an Menschen, die Kunst nicht nur konsumieren möchten, sondern bereit sind, sich auf Wahrnehmung einzulassen. Oder, wie es die Ausstellungsmacher selbst formulieren: Hier geht es nicht nur ums Sehen. Hier geht es ums Erleben. RED
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