„Regelmäßigkeit der
Vermüllung ist dreist“
Tour durch Laatzen: Heiko Motzkuhn ist Standortreiniger der Aha-Wertstoffinseln.

Unterwegs mit dem Standortreiniger der aha-Wertstoffinseln in Laatzen: Heiko MotzkuhnFotos (2): Astrid Köhler
Laatzen. Die Wertstoffinsel der Ahornstraße ist für Heiko Motzkuhn wie ein Omen. Ist der Platz morgens mit wildem Müll zugestellt, sei zumeist auch im übrigen Stadtgebiet viel zu tun, sagt der aha-Standortreiniger.

Elf Kubikmeter fasst der Anhänger an dem weißen Aha-Pick-up, und er wird nicht lange leer bleiben. Kaum ist Motzkuhn um 6.40 Uhr vom Betriebsgelände an der Mannheimer Straße gerollt, muss er auch schon halten. „Das geht ja gut los“, sagt er, streift sich Handschuhe über und lädt an der Straßenecke die ersten Abfallsäcke des noch dunklen Tages auf. Kaum fünf Minuten später sind auch die Scherben zusammengekehrt. Weiter geht es: Zum ersten Hotspot.

Einen Tannenbaum, Ölkanister, Kleidung und große, schwere Säcke findet Motzkuhn hinter den Containern an der Ahornstraße. Beim Aufräumen muss er vorsichtig sein – im Müll könnten auch Spritzen oder Scherben sein. Das meiste landet scheppernd auf dem Anhänger. Nur den Kanister verstaut er separat in einer Box auf dem Pick-up. 30 Liter Gefahrstoffe könne er selbst transportieren, sagt Motzkuhn. Bei größeren Mengen kämen die Kollegen mit entsprechendem Equipment. Kurz darauf ist der Platz um die Wertstoffinsel besenrein, zumindest vorerst, wie der Standortreiniger betont: „Zum Feierabend ist neues Zeug da.“

Ein paar Wertstoffinseln später, in Rethen, der nächste Müll-Hotspot. An der Straße Zur Sehlwiese türmen sich besonders häufig Bauschutt, Haus- und Sperrmüll, Nahrungsmittel sowie weiterer Unrat, und das schon seit Jahren. „Die Regelmäßigkeit der Vermüllung ist dreist“, sagt der aha-Mitarbeiter, der auch an diesem Vormittag vor dem Fegen wieder mehrere Säcke aufladen muss.

Die Verantwortlichen sind selten festzumachen. Auch wenn er im Müll Adressen oder Briefe finde, seien Taten nur schwer rechtssicher nachzuweisen, sagt der 61-Jährige. Die Schriftstücke könnten ja auch verweht oder von Dritten abgelegt worden sein, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch.

Manche Menschen wüssten es nicht besser, weil ihnen das System der Mülltrennung und die in der Region kostenlose Entsorgung nicht vertraut sind, sagt Motzkuhn. Andere hingegen missachteten die Regeln bewusst. „In Laatzen-Mitte hat mir mal einer gesagt, ich solle froh sein, dass er seinen Müll bei der Wertstoffinsel ablade, er könne das auch im Wald tun.“ Was Motzkuhn nicht versteht: Wenn jemand schon sein Auto mit Müll belade, könnte er damit ja eigentlich auch zum Wertstoffhof fahren. Eigentlich.

Um Probleme wie die in Rethen in den Griff zu bekommen, wünscht sich Motzkuhn eine Überwachung – so wie seit 2024 an einer Wertstoffinsel in Garbsen. Seitdem dort Videokameras und Lautsprecher hängen und Rathausmitarbeiter potenzielle Müllsünder direkt ansprechen können, werden nach Stadtangaben deutlich weniger illegale Gegenstände abgeladen. Die Investition habe sich gelohnt, heißt es. In Laatzen prüft die Stadt noch mögliche Schritte.

20 Wertstoffinseln gehören allein zur Laatzen-Tour. Zudem kümmert sich der Aha-Mitarbeiter wöchentlich um rund 40 weitere in Hemmingen, Pattensen, Springe und Ronnenberg. Zu tun hat er überall mal mehr, mal weniger. Mitunter sind es nur Kleinigkeiten – beispielsweise einen dort abgestellten Porzellanteller vom Altglascontainer zu nehmen.

Eigentlich gehört lediglich das Reinigen in einem Radius von einem Meter rund um die Insel ins Aufgabengebiet von aha. In der Praxis ist es Ermessenssache, Motzkuhn sammelt auch mal Müll ein, der weiter entfernt liegt.

Der gelernte Messebauer, der früher deutschlandweit im Einsatz war und 1989 aus familiären Gründen bei Aha anfing, hat eine klare Einstellung zu seiner Arbeit. „Befehle nehme ich nicht entgegen“, betont der Vater einer erwachsenen Tochter und Großvater eines Enkelkindes. „Hinweise“ auf vermüllte Plätze arbeite er hingegen gern ab.

Seine Mappe im Auto ist gefüllt mit Hinweis-E-Mails, die über die Aha-Zentrale in seine Betriebsstätte und sein dortiges Postfach gekommen sind: jeder Ausdruck mit einem handgemalten Smiley. Wie schafft er es, sich für seine Sisyphusarbeit zu motivieren? Es seien nur wenige Menschen, die sich nicht an die Regeln hielten, sagt Motzkuhn: „Vielleicht fünf von 10.000“.

Zudem könne er sich auf ein gut funktionierendes Team verlassen – den städtischen Ordnungsdienst und seine Aha-Kollegen. Auch dankbare Worte von Passanten seien motivierend, und spätestens, wenn seine Frau ihn nach Feierabend anlächle, sei alles gut.

Klarheit und Durchhaltevermögen hat er auch schon auf anderen Ebenen bewiesen. Noch als Vierzigjähriger lief er Triathlon. Inzwischen hat sich der leidenschaftliche Vereinsmensch und Karnevalist, der allein 20 Jahre bei den Lindener Narren aktiv war, aufs Dartspielen verlegt.

Gegen 10 Uhr ist seine Tour durch Laatzen beendet, der Anhänger über die Hälfte gefüllt. 720 Kilogramm hat Motzkuhn am Vormittag hinein gewuchtet, wie ihm die Waage in der Mülldeponie in Lahe wenig später anzeigen wird. „Laatzen ist besenrein“, sagt der Wertstoffreiniger zufrieden, ehe er weiterfährt – in die nächste Kommune.



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