Erste Hilfe für die Seele
Die Psychosoziale Notfallversorgung des DRK:
Laatzener Einsatzkräfte kümmern sich nach Not- und Unglücksfällen um Betroffene

Kuscheltiere und Malbücher: Andrey Ekkert und Lisa Kohlenberg von der Psychosozialen Notfallversorgung des DRK zeigen das Notfallset für Kinder.Foto: Stephanie Zerm
Laatzen. Ein Mensch wirft sich am Bahnsteig vor einen einfahrenden Zug. Für Augenzeugen können Vorfälle wie diese traumatisch sein. Die Psychosoziale Notfallversorgung des DRK hilft ihnen, Belastendes zu verarbeiten – dank Freiwilligen aus dem Kompetenzzentrum in Laatzen.

An seinen ersten Einsatz kann sich Yassir Kateh noch gut erinnern: Ein Mann hatte sich in einem Bahnhof vor einen einfahrenden Zug geworfen. Mehrere am Bahnsteig wartende Menschen mussten mit ansehen, wie er von der Lok erfasst wurde. „Ich habe mich mit um die Augenzeugen gekümmert“, sagt der 21-Jährige vom Team der Psychosozialen Notfallversorgung des DRK Region Hannover mit Sitz in Laatzen. Auf den ersten Blick mögen die Menschen am Bahnsteig unverletzt sein, doch ihre psychologische Belastung ist umso größer.

„Immer wieder begegnen uns bei Notfällen Menschen, die zwar körperlich unverletzt sind, jedoch unter akutem seelischen Schock stehen – verursacht durch das außergewöhnliche Erleben eines Unglückfalles“, sagt Frank Wöbbecke, Prokurist der DRK-Hilfsdienste in der Region Hannover und Leiter der Psychosozialen Notfallversorgung. Die seelischen Folgen zeigten sich dann in einer akuten Belastungsreaktion.

„Im schlimmsten Fall können Menschen dabei zittern, weinen und sind nicht ansprechbar“, ergänzt Andrey Ekkert. Der 30-Jährige hat eine Zusatzausbildung als Notfallpsychologe und arbeitet hauptamtlich bei den Sozialen Diensten des DRK, wo er sich um traumatisierte Flüchtlinge kümmert.„Ich wollte Menschen aber auch in akuten Belastungssituationen unterstützen“, sagt der Laatzener. Daher habe er eine Zusatzausbildung für die Psychosoziale Notfallversorgung gemacht.„Am wichtigsten ist es, Betroffene erst einmal an einen sicheren Ort zu bringen“, erläutert Ekkert. Dies könne ein Einsatzfahrzeug, ein vorbereiteter Evakuierungspunkt oder Krankenhaus sein.

Dann komme es darauf an, ihnen zuzuhören, gegebenenfalls ihre Wahrnehmung zu korrigieren und Familienangehörige oder Freunde zu verständigen. Außerdem empfehlen die Helfer der Psychosozialen Notfallversorgung weiterführende Angebote, die den Betroffenen Hilfe bieten.

Der 21-jährige Kateh ist einer dieser Helfer. Im April 2025 hat der Bundeswehrsoldat aus Wunstorf seine Ausbildung für die ehrenamtliche psychosoziale Notfallversorgung begonnen. Seitdem hat er über 100 Unterrichtseinheiten absolviert. „Jeder sollte sich sozial engagieren“, sagt Kateh. Ein psychosoziales Netzwerk Hilfe kenne er bereits von der Bundeswehr, und er halte es für sehr wichtig.

Fast immer bei Einsätzen dabei sind die beiden Hündinnen Otti und Lucy. „Sie wirken als Eisbrecher und schaffen Nähe und Vertrauen“, sagt Lucys Herrchen Ralph Meyer, der mit Wöbbecke die Psychosoziale Notfallversorgung leitet und für die Ausbildung zuständig ist.

So war Hündin Lucy auch Ende August nach einem vermeintlichen Amoklauf in der Förderschule auf der Bult mit dabei. Der hatte sich als Fehlalarm entpuppt. „Aber manche Kinder waren von dem Polizeieinsatz sehr erschrocken“, sagt Meyer. Hündin Lucy ließ sich von ihnen streicheln und füttern. Besonders belastete Kinder durften mit ihr spazierengehen. „Unser Personal, das zwei Schulklassen betreute, konnte dann auf die Kinder eingehen“, sagt Meyer.

Die Gegenwart der Hunde tut auch Michael Gerhardt gut: „Wenn Otti oder Lucy kommen, geht es mir besser.“ Der einst aktive Feuerwehrmann aus Laatzen hatte vermutlich einen Schlaganfall und leidet seitdem immer wieder unter Spastiken. Bei einem Anfall konnten die Einsatzkräfte der PSNV schon einige Male helfen, die dann mit Otti oder Lucy zu dem Laatzener fahren. „Wenn ich durch das weiche Hundefell streichele, entspanne ich mich, und der Anfall lässt nach“, sagt der 47-Jährige.

Der Grundstein für die psychosoziale Notfallversorgung beim DRK in der Region Hannover wurde nach dem Zugunglück in Eschede 1998 gelegt. Dort entgleiste ein ICE bei 200 km/h. 101 Menschen starben, mehr als 100 wurden verletzt. „Wir haben gesehen, dass viele Rettungskräfte nach dem Einsatz in ein tiefes Loch gefallen sind und wollten helfen“, erzählt Wöbbecke.

Da der Bedarf kontinuierlich stieg, wurde die Psychosoziale Notfallversorgung stetig ausgebaut und 2023 das Kompetenzzentrum für psychosoziales Krisenmanagement mit Sitz in Laatzen gegründet. An der Senefelder Straße 17 bildet das DRK seitdem alle Ehrenamtlichen aus der Region Hannover in diesem Bereich aus.

Zunächst war das Angebot laut Wöbbecke nur für die rund 2600 Mitarbeitenden im DRK-Regionsverband sowie deren Angehörige vorgesehen. Da aber zunehmend Anfragen kamen, betreut das Team mittlerweile sämtliche Jobcenter in der Region Hannover, mehrere Firmen und die Stadtfeuerwehr Laatzen. Auch die Helfer, die bei den Silvesterkrawallen 2023/24 in Laatzen-Mitte in einen Hinterhalt gelockt und deren Fahrzeug von einem Mob mit Steinen und einer Eisenstange beworfen worden war, nutzen die Einsatznachsorge des DRK, um das Erlebte zu verarbeiten. Die Hilfe umfasst mittlerweile nicht nur die Einsatznachsorge für Rettungskräfte, sondern auch die Kriseninterventionsarbeit für Zivilpersonen, die nach einem für sie belastenden Erlebnis aus der Normalität ihres Lebens gerissen wurden, wie bei Vermisstenfällen.

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