Eine Sache des Willens
Carolin Dieckhaus saniert seit 2018 ihr historisches Fachwerkhaus im alten Dorf von Hemmingen

Die „Handwerkerin aus Leidenschaft“ leistet ganze Arbeit am und im Haus.Foto: Carolin Dieckhaus
Hemmingen. Ihre Haare sind zerzaust, das Gesicht ist teilweise staubbedeckt und dicke Klebebandstreifen um beide Knieschützer sorgen dafür, dass diese an Carolin Dieckhaus’ Arbeitsoverall nicht nach unten rutschen. Zufrieden wischt sich die 57-jährige Hemmingerin mit ihrem Arbeitshandschuh eine Haarsträhne aus der Stirn und blickt auf das Ergebnis ihrer mehrmonatigen, tonnenschweren Aktivitäten im alten Dorf von Hemmingen. Denn die Diplom-Kauffrau saniert an dem „Gänsemarsch“ genannten Fußweg ihr historisches Fachwerkhaus, die angrenzende Scheune und ihre Grundstücksmauer.

Dass sie somit steinreich ist – an Sandsteinblöcken –, kann jeder, der an ihrem Grundstück vorbeikommt, sehen. Auf rund 20 Metern Länge beeindruckt die im November aus großem, gebrochenem Sandstein säuberlich gesetzte, rund 1,40 Meter hohe Mauer die Passanten. „Viele Passanten und superliebe Nachbarn, die hier in den vergangenen Wochen entlanggekommen sind, haben sich über das stetig wachsende Mauerwerk gefreut, die Aufwertung des Ensembles gelobt und auch beim Steinesetzen an der Mauer darüber geschaut“, sagt Dieckhaus, die mehrere Jahre auf dem Campus Handwerk bei der Handwerkskammer Hannover beschäftigt war.

Zum ersten Advent haben ihr ihre liebsten Nachbarn Nadine und Holger Kirchhoff neben Lob auch Mandelkekse, Glühwein sowie eine rote Weihnachtssternpflanze mitgebracht. Weitere Passanten sorgten für Weihnachtsdeko und stellten eine rote, selbst gezogene Kerze auf den fast fertigen Mauerteil.

Vorausgegangen war für Carolin Dieckhaus jedoch eine harte, arbeitsreiche Zeit. Dazu gehörten die wochenlangen Erdarbeiten mit einem Minibagger und die wegen fehlerhafter Daten seitens der Behörden erforderliche Neuvermessung der Grundstücksgrenze mit Abriss einer von ihr erst ein Jahr zuvor errichteten zehn Meter langen Grundstücksmauer. Hinzu kamen das Gießen und Aushärtenlassen eines neuen, rund fünf Kubikmeter großen Betonfundamentes für die neue Sandsteinmauer.

„Ich habe das Fachwerkhaus mitsamt Grundstück zum Jahreswechsel 2017/2018 gekauft und mit meinen beiden Kindern innerhalb von nur drei Tagen bezogen“, blickt die 1968 in Celle Geborene zurück. Vor dem Hauskauf hat die „Handwerkerin aus Leidenschaft“ – so ihre Selbstbeschreibung – rund 20 Jahre lang in Hannover-Kirchrode gelebt. „Ich wollte mein Leben lang ein Haus kaufen. Drei bis vier Jahre hatte ich für den Umbau in Eigenleistung eingeplant“, beschreibt Carolin Dieckhaus ihr damals ehrgeizig gestecktes Ziel. Inzwischen sind bereits sieben Jahre vergangen. Denn nicht nur die Corona-Pandemie kam als Verzögerung dazwischen.

Dass sie im und am Fachwerkhaus mit seiner Jahreszahl „1801“ über dem Dielentor viel zu sanieren haben würde, war sich Carolin Dieckhaus von Anfang an sicher. „Es ist das älteste Haus am Platz“, betont sie. Aber in und rund um das zehn mal 13 Meter große Wohnhaus und seine angrenzende, vier mal zwölf Meter große Scheune auf dem 1070 Quadratmeter messenden Grundstück folgte ein ungeahntes Projekt dem nächsten: Ein vom Blitz getroffener Walnussbaum direkt vor dem Haus musste ebenso weichen wie seine Baumwurzeln, die schon seit Jahren das Hausfundament anhoben.

Beim Entkernen und Sanieren des im Laufe von zwei Jahrhunderten mehrfach umgebauten Wohnhauses und der Scheune kamen allein in den ersten beiden Jahren rund 100 Tonnen Bauschutt und 50 weitere Kubikmeter an Lehm aus den Gefachen zusammen. Die ersten fünf Jahre fühlte sich Carolin Dieckhaus dabei „täglich wie Aschenputtel oder eine Trümmerfrau. Mir kamen regelmäßig Kalk und Tapete, Lehm und Putz entgegen.“ Zwischen Ytongsteinen und Rigips, 50 Kubikmetern Stroh und einem ebenerdigen Plumpsklo mitsamt Sickergrube fand sie sogar eine tote Maus in der Wand.

Nicht nur die Pandemie bremste die Powerfrau zeitweise aus. „Ich bin vor fünf Jahren an Polyneuropathie, einer Nervenschädigung in Füßen und Händen, erkrankt. Monotone Bewegungen funktionieren. Nach einem Stillstand oder einer Pause jedoch im Sitzen oder Liegen muss ich die Bewegungen ‚neu‘ lernen. Das dauert nervige zehn Minuten oder etwa 20 Wiederholungen“, sagt sie.

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