Die Livebilder sind auf dem Monitor im Inneren des Wagens zu sehen. Jede Kamera zeigt in eine andere Richtung, jeweils zwei von ihnen bilden ein Stereokamerapaar. „Ein Paar ist nach vorne gerichtet, eines nach hinten und je ein Paar zur Seite“, erklärt Djomin die Ausrichtung. Zwei weitere zeigen schräg nach links und rechts vorne.
„Alle fünf Meter nehmen wir mit jeder Kamera ein Foto auf – und das aus beiden Fahrtrichtungen“, sagt der Systemtechniker. „So entstehen pro Kilometer 2400 Bilder.“ Die Fotos würden später zu einer Gesamtansicht zusammengesetzt, die eine Rundumansicht der Umgebung ermöglicht.
Auftraggeber ist kein privater Kartendienst, sondern die Laatzener Stadtverwaltung, die die Daten für die Straßenunterhaltung und für die Planung von Sanierungsarbeiten nutzen will. Seit Dienstag vergangener Woche kurven Rusteberg und Djomin durch Laatzen. Ziel ist es, einen „digitalen Zwilling“ von Laatzens Straßen zu erstellen. „Es entsteht ein Abbild der Realität auf dem Rechner”, sagt Joachim Gerike, Vertriebsingenieur der Firma Eagle Eye. Anders als bei Systemen wie Google Street View werde die Umgebung nicht nur abgebildet, sämtliche Gegenstände würden auch benannt. „Man weiß später: Das ist ein Gebäude, das ist die Fahrbahn, das ist ein Hydrant, das ist eine Parkbank, das ein Schild und das ein Baum“, sagt Gerike.
Anhand all der Informationen könne man ermitteln, wo Handlungsbedarf für Reparaturen besteht, erläutert Olaf Klaus-Pohl, Leiter des Teams Tiefbau bei der Stadt. Und: „Wenn wir eine Meldung über das Portal ‚Sag’s uns einfach’ bekommen, können wir uns die Stelle gleich auf dem Rechner anschauen.„ Rund 80.000 Euro lässt sich die Stadt diesen digitalen Service kosten. Bürgermeister Kai Eggert (parteilos) verspricht sich wiederum auch Kostenvorteile von der modernen Methode. „Das spart Zeit und Geld für Begutachtungen vor Ort und macht unsere Arbeit effektiver“,sagt er.
Gehandelt wird im Sinne des Datenschutzes: Gesichter und Autokennzeichen würden per Künstlicher Intelligenz gepixelt, betont Gerike. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte hat auch für die Stadt Priorität. „Es ist uns wichtig, dass keine sensiblen Daten herausgegeben werden”, sagt Teamleiter Klaus-Pohl. Das Adlerauge erkennt auch Oberflächenprofile. Am Heck des Fahrzeugs dreht sich der Laserscanner „Lidar“ 256-mal pro Sekunde und erfasst dabei zwei Millionen Bildpunkte. Mit der sogenannten Lichtraumvermessung können Abstände von Gegenständen und Höhenunterschiede bis ins kleinste Detail ermittelt werden. „Der Laser zeichnet die Reflexionen vom Boden, von Gebäuden, Brücken, Bäumen, Straßenschildern, Gullydeckeln und allen anderen Dingen auf“, erklärt Gerike. „Das Gerät erkennt sogar die Höhe von Fahrbahnmarkierungen, Spurrinnen, Absätze von Gehsteigen und die Entfernung von Gebäuden und Baumhöhen.“Parallel dazu erstellt eine hoch über dem Dach des Wagens aufragende Panoramakamera mit mehreren Einzelkameras eine Rundumansicht der Umgebung. „Die Bilder werden später mithilfe künstlicher Intelligenz störungsfrei zu einem Gesamtbild zusammengesetzt“, sagt Gerike.
Um sämtliche Details der Verkehrsflächen festzuhalten, wird jede Straße aus beiden Fahrtrichtungen gefilmt und gescannt. Dabei entstehen 360-Grad-Aufnahmen. „Zusätzlich werden die Positionsdaten des Fahrzeugs per GPS aufgezeichnet“, erläutert Gerike. Wegsensoren und ein Kreiselkompass ermitteln Distanzen und Neigungen des Geländes.
Je nach Wetter schaffen Rusteberg und Djomin 25 bis 40 Kilometer Strecke pro Tag. „Zehn Tagen dauert es in etwa, um das rund 210 Kilometer lange Straßennetz in Laatzen komplett aufzuzeichnen“, sagt Gerike. Die beiden Eagle-Eye-Mitarbeiter seien auch am Wochenende unterwegs. Das Wetter sei gerade ideal. „Die Straßen dürfen nicht nass sein, und wir brauchen Tageslicht, um gute Aufnahmen zu bekommen”, sagt Djomin.
Nach und nach entsteht eine Datenwolke mit unzähligen Informationen, die in Geländemodelle umgerechnet werden. Simulationen ermöglichten später sogar Vorhersagen, in welche Richtung das Wasser bei Starkregen läuft, erläutert Gerike. „Wir nehmen auch Brüche in den Straßen auf“, ergänzt er. „Man kann erkennen, an welchen Orten ich welche Schäden habe.” Der Zustand der Straßen sowie von Geh- und Radwegen, Parkplätzen und Busbuchten wird in acht Zustandsklassen von 1 („Neubau“) bis 8 („verkehrsunsicher“) eingeordnet.
Die Auswertung der Aufnahmen soll drei bis vier Monate dauern. „Die Stadt Laatzen bekommt von uns sämtliche digitalisierten Daten“, versichert Gerike.